LESUNG aus IM WESTEN NICHTS NEUES Reichstag Berlin

By 27. November 2018Medienberichte

LESUNG aus IM WESTEN NICHTS NEUES
Reichstag Berlin, 7. November 2018
Thomas Kienast, Theater Osnabrück

100 Jahre erster Weltkrieg

Erich Maria Remarque, 1898 in Osnabrück geboren, schrieb mit IM WESTEN NICHTS NEUES den Epochenroman zum ersten Weltkrieg. Als das Buch 1928, zehn Jahre nach Ende des Krieges erschien, traf es den Nerv einer ganzen Generation. Es erreichte binnen eines Jahres eine Auflage von über einer Million in Deutschland und wurde bis heute in über 50 Sprachen übersetzt und über 20 Millionen Mal verkauft, die höchste Zahl, die ein deutsches Buch je erreichte.
Remarque schildert die Grausamkeit und die Sinnlosigkeit des Krieges aus der Perspektive eines 19jährigen jungen Mannes. Auf Betreiben der erstarkenden NSDAP wurde die Verfilmung bereits 1930 verboten, das Buch endgültig 1933.

 

(Aus Kapitel 1)

… Am vernünftigsten waren eigentlich die armen und einfachen Leute; sie hielten den Krieg gleich für ein Unglück, während die bessergestellten vor Freude nicht aus noch ein wussten, obschon gerade sie sich über die Folgen viel eher hätten klar werden können. (…)

Sie sollten uns Achtzehnjährigen Vermittler und Führer zur Welt des Erwachsenseins werden, zur Welt der Arbeit, der Pflicht, der Kultur und der Fortschritts zur Zukunft. Wir verspotteten sie manchmal und spielten ihnen kleine Streiche, aber im Grunde glaubten wir ihnen. Mit dem Begriff der Autorität, dessen Träger sie waren, verband sich in unseren Gedanken größere Einsicht und menschlicheres Wissen. Doch der erste Tote, den wir sahen, zertrümmerte diese Überzeugung. Wir mussten erkennen, dass unser Alter ehrlicher war als das ihre; sie hatten vor uns nur die Phrase und die Geschicklichkeit voraus. Das erste Trommelfeuer zeigte uns unseren Irrtum, und unter ihm stürzte die Weltanschauung zusammen, die sie uns gelehrt hatten.

Während sie noch schrieben und redeten, sahen wir Lazarette und Sterbende;  während sie den Dienst am Staate als das Größte bezeichneten, wussten wir bereits, dass die Todesangst stärker ist. (…) Wir liebten unsere Heimat genauso wie sie, und wir gingen bei jedem Angriff mutig vor; aber wir unterschieden jetzt, wir hatten mit einem Male sehen gelernt. Und wir sahen, dass nichts von ihrer Welt übrig blieb. Wir waren plötzlich auf furchtbare Weise allein; – und wir mussten damit fertig werden.

 

(Aus Kapitel 10)

Man kann nicht begreifen, dass über so zerrissenen Leibern noch Menschengesichter sind, in denen das Leben seinen alltäglichen Fortgang nimmt. Und dabei ist dies nur ein einziges Lazarett, eine einzige Station – es gibt Hunderttausende in Deutschland, Hunderttausende in Frankreich, Hunderttausende in Russland. Wie sinnlos ist alles, was je geschrieben, getan, gedacht wurde, wenn so etwas möglich ist! Es muss alles gelogen und belanglos sein, wenn die Kultur von Jahrtausenden nicht einmal verhindern konnte, dass diese Ströme von Blut vergossen wurden, dass diese Kerker der Qualen zu Hunderttausenden existieren. Erst das Lazarett zeigt, was der Krieg ist.

Ich bin jung, ich bin zwanzig Jahre alt; aber ich kenne vom Leben nichts anderes als die Verzweiflung, den Tod, die Angst und die Verkettung sinnlosester Oberflächlichkeit mit einem Abgrund des Leidens. Ich sehe, dass Völker gegeneinander getrieben werden und sich schweigend, unwissend, töricht, gehorsam, unschuldig töten. Ich sehe, dass die klügsten Gehirne der Welt Waffen und Worte erfinden, um das alles noch raffinierter und länger dauernd zu machen. Und mit mir sehen das alle Menschen meines Alters hier und drüben, in der ganzen Welt, mit mir erlebt das meine Generation. Was werden unsere Väter tun, wenn wir einmal aufstehen und vor sie hintreten und Rechenschaft fordern? Was erwarten sie von uns, wenn eine Zeit kommt, wo kein Krieg ist? Jahre hindurch war unsere Beschäftigung Töten – es war unser erster Beruf im Dasein. Unser Wissen vom Leben beschränkt sich auf den Tod. Was soll danach geschehen? Und was soll aus uns werden?

 

 

(Aus Kapitel 9)

„Eins möchte ich aber doch noch wissen“, sagt Albert, „ob es Krieg gegeben hätte, wenn der Kaiser Nein gesagt hätte.“

„Das glaube ich sicher“, werfe ich ein, – „er soll ja sowieso erst gar nicht gewollt haben.“

„Na, wenn er allein nicht, dann vielleicht doch, wenn so zwanzig, dreißig Leute in der Welt Nein gesagt hätten“

„Das wohl“, gebe ich zu, „aber die haben ja gerade gewollt.“

„Es ist komisch, wenn man sich das überlegt“, fährt Kropp fort, „wir sind doch hier, um unser Vaterland zu verteidigen. Aber die Franzosen sind doch auch da, um ihr Vaterland zu verteidigen. Wer hat nun recht?“

„Vielleicht beide“, sage ich, ohne es zu glauben.

„Ja, nun“, meint Albert, und ich sehe ihm an, dass er mich in die Enge treiben will, „aber unsere Professoren und Pastöre und Zeitungen behaupten, nur sie hätten recht, und das wird ja hoffentlich auch so sein; – aber die französischen Professoren und Pastöre und Zeitungen behaupten, nur sie hätten recht, wie steht es denn damit?“

„Das weiß ich nicht“, sage ich, „auf jeden Fall ist Krieg, und jeden Monat kommen mehr Länder dazu.“

(…)

„Meistens ist es so, dass ein Land ein anderes schwer beleidigt.“

„Ein Land? Das verstehe ich nicht. Ein Berg in Deutschland kann doch einen Berg in Frankreich nicht beleidigen. Oder ein Fluss oder ein Wald oder ein Weizenfeld.“

 

Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues, 1928.

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