Eröffnungsrede Volker-Johannes Trieb – 29. November 2019, Varusschlacht im Osnabrücker Land Museum und Park Kalkriese

By 17. Dezember 2019Materialien

Eröffnungsrede
Volker-Johannes Trieb
“Damals nicht, jetzt nicht, niemals!”
Varusschlacht im Osnabrücker Land Museum und Park Kalkriese
29. November 2019

Damals nicht, jetzt nicht, niemals!

Ich möchte Ihnen von Truus Menger erzählen, von der dieser Appell stammt. Von einer Widerstandskämpferin gegen die deutsche Okkupation der Niederlande im Zweiten Weltkrieg. Von einer Theateraufführung vor ein paar Jahren an der NS-Gedenkstätte Augustaschacht bei Osnabrück, die ihr Leben zeigte.

Die Handlung setzt ein, als sie 17 ist und von innerem Zwiespalt zerrissen. Sie verlangte von sich, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollte. Aber sie musste sie tun, um Unheil zu verhindern.

Mit Freunden verhilft Truus jüdischen Kindern zur Flucht aus Deutschland. Sie führt sie über Holland nach Frankreich. Vor ihren Augen werden Kinder erschossen. Auch die Retter bleiben nicht verschont.

Truus Menger hätte nie von sich behauptet, mutig gewesen zu sein. Aber sie sah für sich keine andere Möglichkeit des Handelns. Ich sitze neben ihr, an diesem Tag am Augustaschacht, an dem sie ihrem eigenen Leben zusieht, und am liebsten hätte ich gesagt: „Komm, Truus, lass uns gehen! Durchleide alldas nicht noch einmal.“

Damals nicht, jetzt nicht, niemals!

Wir sind heute wegen eines anderen Weltkriegs hier. Wegen des Ersten Weltkriegs. Wir Deutschen waren fleißig darin, Kriege zu beginnen.

Ich bin jetzt 53 Jahre alt. Als ich geboren wurde, lag dieser Krieg eineinhalb Generationen zurück. Heute sind es drei. Eine kurze Zeitspanne, gemessen an der Menschheitsgeschichte, die, auch, eine Geschichte der Kriege ist. Es stets war.

Und wir sind wegen der Kunst hier. Der Kunst, als Mittel für den   Frieden. Friedens- und Konfliktforschung, konzentriert sich heute stark auf militärische Optionen. Aber militärische Optionen haben in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich zu mehr Frieden geführt.

Die Kunst, deren Sprache universell ist, global verständlich, hat hier eine Aufgabe.

Sicher, viele Künstler haben sich, gerade auch im Ersten Weltkrieg, als kriegsbegeistert gezeigt, haben sich der Kriegspropaganda zur Verfügung gestellt, sich sehr willig  von ihr missbrauchen lassen.

Aber in letzter Konsequenz geht es der Kunst, der wahren Kunst,  um ein friedliches Miteinander.

Auch Kunst ist Friedens- und Konfliktforschung, nur nicht mit militärischen Optionen. Zumal die 31 künstlerischen Positionen für die wir heute hier stehen.

31 Künstler, die ihr Leben und ihr künstlerisches Schaffen dem Frieden und der Friedensforschung verschrieben haben.

Sie zeigen, im Sinne von Truus Menger: Frieden wird es nur geben, wenn wir ihn  herbeisehnen, mit all unseren Sinnen.

Und das führt mich zu einer Frage: Nehmen wir an, ich frage 100 Menschen, ob sie für den Weltfrieden sind. Was würde geschehen? Alle würden antworten: Ja.  Klammer auf: Bis auf große Teile der Rüstungsindustrie. Klammer zu.

Aber würde ich weiter fragen: Glauben Sie, der Weltfrieden wird eintreten? Was würde geschehen? Die meisten der 100 würden wahrscheinlich Nein sagen.

Genau dieser Pessimismus aber führt dazu,  dass er in der Tat nie eintritt. Wenn niemand den Frieden für möglich hält, im Großen wie im Kleinen, wird es ihn nie geben. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Aber das bedeutet auch: Halten wir ihn für möglich, können wir ihn uns vorstellen, steigt dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass es ihn geben wird.

Unsere Mission ist also klar. Und Projekte wie „Damals nicht, jetzt nicht, niemals!“ können dazu beitragen.

Dass so viele, so bedeutende Bildkünstler aus aller Welt unserer Bitte gefolgt sind, sich an unserem Friedensprojekt zu beteiligen, ich habe damit, ganz ehrlich gesagt, am Anfang nicht gerechnet, macht mir Hoffnung.

Übrigens schließt sich heute hier für mich ein Kreis. Vor vielen Jahren ist von hier das Projekt „Feldzeichen zu Friedenzeichen“ ausgegangen. Ein partizipatives Kunst-Mahnmal für den Frieden. Über 20.000 Menschen der Region haben sich an ihm beteiligt. Und heute stehen wir hier, mit einem partizipativen Kunst Mahnmal für den Frieden ganz anderer Art.

31 Künstler aus aller Welt haben sich an ihm beteiligt. Und es strahlt nicht nur in die Region aus, sondern in alle Welt. Und das nicht nur durch die UN und New York, durch die EU und Brüssel,  seine Ziele in 2020. Beide Projekte, wenngleich so verschieden, gelten mir gleich viel.

Und wie mich unter den tausenden Feldzeichen für den Frieden einige ganz besonders bewegt haben, gibt es unter den 31 Arbeiten von „Damals nicht, jetzt nicht, niemals!“ einige, die mich ganz besonders bewegen.

Eines davon ist das von Mirosław Bałka. Ich gebe zu: Als ich es das erste Mal sah, dachte ich: Schade, ich hätte mehr erwartet. Aber je öfter ich über es nachdenke, desto klarer wird mir: Gerade seine Einfachheit, seine Reduktion, ist das Bestechende an ihm. Ich habe lange gebraucht, die Kraft zu verstehen, die ihm innewohnt. Ein Blumentopf aus Beton, auf der Plattform eines Quaders, der ein Zeitzeuge ist des Leids des Ersten Weltkriegs, des ersten industriell   geführten Kriegs der Menschheitsgeschichte: Wenn wir nur Beton haben, in dem unser Leben wachsen kann, geht es mit diesem Leben zuende. Eine Aussage der Apokalypse.

Es gibt keine Hoffnung mehr, für die Welt? Doch, noch gibt es sie. An jedem Ort der Welt gibt es sie, an dem Bäume stehen wie diese es waren: Hunderte von Jahren alt, als Zeugen von Freude und Leid.

Ich möchte nicht glauben,  dass die Welt zugrunde geht. Zumindest nicht, dass die Menschheit sie zugrunde richtet.

Aber jede Nachrichtensendung macht es mir schwerer, diesen Glauben aufrecht zu erhalten. Aber ich verliere ihn nicht. Auch wegen der Kunst.

Sie mögen bei anderen dieser 31 Arbeiten ähnlich denken. Vielleicht kommen wir dazu ja nachher noch ins Gespräch.

Wenn ich mich als Künstler beschreibe, beschäftige ich mich mit Alltagskultur, Landschaft und Geschichte.

Das Wichtigste an der Alltagskultur ist natürlich der Frieden. Immer und überall. Denn auch in unserem Alltag ist er bedroht. Durch Populismus. Hass, Hetze Intoleranz gegenüber anderem Denken, anderen Hautfarben, anderen Religionen.

Frieden ist ja nicht nur die Abwesenheit von Krieg.

Und jetzt lassen Sie mich doch noch einen Dank aussprechen.  An die Künstler. Und an alle Förderer, denn neben den wirtschaftlichen Möglichkeiten haben Sie mir auch den Rückhalt und die Kraft gegeben, dieses Projekt zu verwirklichen.

Und, wichtiger noch: An Sie alle. Denn was taugt eine Ausstellung, wenn niemand kommt, um sie zu sehen? Das wäre so, als hätte es sie nie gegeben.

Glaube versetzt Berge. Ich bitte Sie, mit mir aufrichtig an den Weltfrieden zu glauben.

Danke also für Ihr Kommen. Ich glaube an Sie!

Not then, not now, not ever!
Varusschlacht im Osnabrücker Land Museum and Park Kalkriese
November 29, 2019

Not then, not now, not ever!

I would like to tell you about Truus Menger, who made this appeal. She
was a resistance fighter against the German occupation of the
Netherlands in World War II. And I want to tell you about a theatrical
performance that showed her life. A few years ago it was shown at the
Augustaschacht memorial near Osnabrück.

The plot of the play begins when Truus is 17 and torn apart by inner
conflict. She asked herself to do things that she really didn’t want
to do. But she had to do it to prevent mischief.

Together with friends, Truus helps Jewish children to escape from
Germany. They lead them through Holland to France. They are
eyewitnesses, when children are shot. The rescuers are not spared
either.

Truus Menger would never have said that he was brave. But she saw no
other way of acting for herself. I sit next to her on that day in the
Augustaschacht memorial while she watches her own life, and I would
have preferred to say: “Come on, Truus, let’s go! Don’t go through all
that again.”

Not then, not now, not ever!

We are here today for another world war – the First World War. We
Germans were diligent in starting wars.

I am 53 years old now. When I was born this war was a generation and a
half ago, today it’s three generations. A short period of time,
measured by human history, which, also, is a history of wars. It
always was.

And we’re here for the art. Art, as a means for peace. Peace and
conflict research today is heavily focused on military options. But
military options haven’t really brought peace in the past few decades.

Art, whose language is universal and globally understandable, has a task here.

Sure, many artists, especially during the First World War, have shown
themselves to be enthusiastic about war, have made themselves
available to war propaganda, they allowed themselves to be abused by
this propaganda.

Ultimately, art, true art, is about peaceful coexistence.

Art is also peace and conflict research, but without military options.
Especially the 31 artistic positions for which we came here today.

31 artists who have committed their lives and artistic work to peace
and peace research.

In the sense of Truus Menger, they show: There will only be peace if
we long for it, with all our senses.

And that leads me to a question: Let’s say I would ask 100 people if
they want world peace. What would happen? Everyone would answer: yes.
In parenthesis: Except for large parts of the arms industry.
Parenthesis closed.
But what would happen, if I asked: Do you think world peace will come?
Most of the 100 would probably say no.

This pessimism, however, means that world peace never actually occurs.
If no one thinks peace is possible, regional or global, it will never
exist. A self-fulfilling prophecy.

But that also means that if we think peace is possible, if we can
imagine it, it increases the likelihood that it will exist.

So our mission is clear. And projects like “Not then, not now, not
ever!” can support it.

The fact that so many and so important artists from all over the world
followed our request to participate in our peace project (I honestly
didn’t count on it at the beginning) gives me hope.

By the way: Today a circle ends here for me. Many years ago, our
project “Feldzeichen zu Friedenszeichen” started from here. It was an
art project for peace too. Over 20,000 people from all over the region
have participated in it. And today we are here again, with a
participatory art project for peace of a different kind.

31 artists from all over the world participated in it. And it has an
impact not only in the region, but all over the world. And not just
through the UN and New York, through the EU and Brussels, its
destinations for 2020. Both projects, although very different, are
equally important to me.

I was particularly impressed by some of the thousands of peace signs
that were created for “Feldzeichen zu Friedenszeichen”. The same
applies to the 31 works of art from “Not then, not now, not ever!”.

One of them is that of Mirosław Bałka. I admit: When I first saw it, I
thought: That’s a shame, I would have expected more. But the more I
think about it, the clearer it becomes to me: its simplicity, its
reduction, is what is so captivating about it. It took me a long time
to understand his strength. A concrete flower pot on a piece of wood
having been a witness to the horrors of the First World War, the first
industrial war in human history: If we only have concrete in which our
life can grow, this life will end. An apocylptic statement.

There is no hope for the world anymore? Yes, there is still hope. It
exists in every place in the world where trees grow, trees like these:
very old, as witnesses of joy and suffering.

I don’t want to believe that our world is going to die. At least I
don’t want to believe that we humans will destroy it.

Every news program makes it harder for me to maintain that belief. But
I’m not losing it. Among other things also because of the art.

You may think similarly about some of these 31 artistic positions.
Maybe we’ll talk about that later, privalety.

When I describe myself as an artist, I emphasize: I deal with everyday
culture, landscape and history.

The most important thing about everyday culture is, of course, peace.
It was always like this, everywhere. Because peace is also threatened
in our everyday life. Through populism, hatred, agitation, intolerant
ideas about other thoughts, different skin tones, other religions.

Peace is not just the absence of war.

And now let me say thank you. To the artists. And to all sponsors,
because in addition to the economic opportunities, you also gave me
the support and strength to implement this project.

And, more importantly, to all of you. After all, what good is an
exhibition if nobody comes to see it? It would be as if this
exhibition had never existed.

Faith moves mountains. I ask you to sincerely believe in world peace with me.

So thank you for coming. I believe in you!

Lass Dich anstecken
vom Virus der Mitmenschlichkeit!

Die Kultur kann keinen Virus bekämpfen? Nicht Corona, nicht unmittelbar.

Aber es gibt Viren, die heißen: Angst, Hysterie, Panik, Verzweiflung, Hilflosigkeit. Und: Rücksichtslosigkeit, Egoismus, Inhumanität. Und: Zerfall der Zivilisation. Und gegen Viren wie diese kann die Kultur eine Hilfe sein.

Friedvolle Herzen. Überall in der Stadt. An Orten, an denen Menschen sich bemühen, die in ihnen aufsteigende Panik niederzukämpfen, an denen sie den Verlust jeden Sicherheitsgefühls fürchten, das uns bis vor Tagen noch selbstverständlich schien. Sie signalisieren: Wir dürfen nicht zulassen, dass uns nur noch Ohnmacht beherrscht.

Friedvolle Herzen. Sie sollen zeigen: Es gibt noch eine Gegenwelt, in der nicht alles vor unseren Augen zerfällt, schneller als wir hinzusehen vermögen. Sie rufen uns dazu auf, uns nicht aufzugeben – uns und andere. Sie rufen dazu auf, sich nicht vor der Unsicherheit zu fürchten, sich nicht vor der Furcht vor der Unsicherheit zu fürchten. Sie rufen uns dazu auf, uns zu fragen, was jeder von uns tun kann, für den anderen, für uns alle. Sie rufen uns dazu auf, uns nicht lähmen zu lassen.

Sie sind einfach da, als Zeichen, dass nicht alles niederbricht.

Friedvolle Herzen. Klein, in Wohnungsfenstern. Groß, an Bushaltestellen...
Wer möchte, kann sich selbst und anderen mit ihnen Mut machen. Man kann sie bei sich zuhause aufhängen. Man kann sie weiterleiten, an Freunde und Bekannte. Man kann in Lebensmittelläden und Apotheken fragen, ob sie dort hängen dürfen.

Friedvolle Herzen. Frei für jedermann. Kosten nichts.
Vorlagen unter: friedvolleherzen.de.
Friedvolle Herzen. Bei Instagram und Facebook.  

Die menschliche Kultur wird zeigen,
wie wir mit der Krise umgehen und was
wir aus der Nach-Corona-Zeit machen.

Solidarität ist Zärtlichkeit
unter den Menschen!

friedensprojekt.com - atelier-trieb.de - friedvolleherzen.de

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